Gnosis – die west-östliche Spiritualität

Wenn ich gefragt werde, welcher Religion ich mich zuordne, antworte ich: keiner, sondern der gnostischen Bewegung. Religionen betonen das Unterscheidende, die gnostische Bewegung das Gemeinsame. Auch als christliche Gnosis erwartet sie weder ein Bekenntnis zu einer Institution noch zu bestimmten „Wahrheiten“, sondern das Beschreiten eines spirituellen Weges, der zu eigenen Erfahrungen und dadurch erworbenen Erkenntnissen führt.

Um die Jahrtausendwende, das Jahr Null unserer Zeitrechnung, fanden im östlichen Mittelmeerraum außerordentliche spirituelle und philosophische Gärungsprozesse statt. Ideen und Mythen, die seit Jahrhunderten in der Luft lagen, vereinten sich in einer Bewegung, die einen tiefgehenden Einfluss auf viele Menschen hatte.  Schon in der wesentlich früheren hellenistischen Epoche, als Alexander der Große (336-323 v.Chr.) nach seinem Gewaltzug Griechenland, Indien, Persien, Ägypten und die Juden außerhalb Jerusalems zu einer Welt zusammengefasst hatte, gab es durch seine Initiative so etwas wie eine vergleichende Religionswissenschaft. Gemeinsamkeiten zwischen östlichen und westlichen Vorstellungen wurden untersucht, westliche und östliche Gottheiten einander zugeordnet und miteinander identifiziert. Die europäische Kulturwelt nahm dadurch erstmals Orientalisches in sich auf.

In der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts sandte Kaiser Ashoka (272-231), der Gründer des 1.indischen Großreiches, buddhistische Missionare an die Höfe der befreundeten Herrscher in aller Welt, die dort –u.a. in Alexandria, dem intellektuellen Zentrum der damaligen Zeit- Klöster gründeten und den Dharma, die vier edlen Wahrheiten des Buddhismus, lehrten. Damit begann eine wechselseitige Durchdringung von östlichem und westlichem Gedankengut. Aus iranischen, babylonischen, ägyptischen, jüdischen, griechischen und indischen Quellen, aus der Astrologie und den Mysterienreligionen entstand so die gnostische Bewegung. Ihre Entwicklung ist dabei aber alles andere als ein aus allen Winkeln der Erde zusammengekratzter „Mischmasch“, sondern vielmehr ein feinsinniger Verschmelzungsprozess, der das gemeinsame Erbe der religiösen Traditionen aufgriff und vertiefte. Es gibt einige wesentliche Elemente, die die Gnosis von institutionalisierten Religionen unterscheiden, die dafür aber unseren heutigen Erwartungen an Spiritualität entgegenkommen.

Selbsterfahrung

Der Begriff „Gnosis“, üblicherweise mit „Wissen/Erkenntnis“ wiedergegeben, entstammt der griechischen Sprache. Sie unterscheidet zwischen einem wissenschaftlichen Wissen und dem durch Beobachtung oder Erfahrung erworbenem Wissen (‚jemanden kennen’), nämlich „Gnosis“. Diese Erkenntnis ist für den Gnostiker in erster Linie Selbsterkenntnis. Die Seele des Menschen ist himmlischen Ursprungs. Im materiellen Körper inkarniert, hat sie ihre wahre Heimat vergessen. Sie ist sozusagen im Exil, in der Gefangenschaft der Materie. Durch den Ruf des Erlösers, den die christlichen Gnostiker mit Jesus gleichsetzen, erwacht die Seele aus ihrem Schlaf und ihrer Trunkenheit und begibt sich auf den Weg der spirituellen Selbsterfahrung, auf dem sie ihr wahres Wesen erkennt und wiedererinnert. Diese Erkenntnis bringt ihr Erlösung und lässt sie wieder eins werden mit dem Pleroma (= der Fülle, dem Ureinen), aus dem sie stammt.

Die gnostische Leitfragen lauten daher: „Wer waren wir und was sind wir geworden? Wo waren wir und wohinein sind wir geworfen? Wohin eilen wir und wovon sind wir befreit? Was ist Geburt und was ist Wiedergeburt?“ „Erkenne dich selbst!“ – diese Inschrift vom Apollo-Tempel in Delphi aus dem 5.Jhdt. v.Chr. steht auch über der gnostischen Bewegung. Damit trifft die Gnosis ein wesentliches Element heutiger religiöser Suche: den Wunsch nach spiritueller Selbsterfahrung sowohl in dem Sinne, selbst etwas erfahren zu können, statt anderen glauben zu müssen, wie auch in dem Sinne, dadurch sich selbst in seiner tiefsten Identität zu erfahren.

Symbolismus

Die Gnostiker haben versucht, auf diese Fragen Antworten zu erfahren. Doch taten sie dies nicht durch abstrakte Denkübungen oder mit Hilfe theoretischer Systeme. Vielmehr haben sie in unübertroffener religiöser Kreativität die Geschichte des menschlichen Selbst in Mythen mit gewaltigen Bildern geschildert. Diese Geschichten werden symbolisch verstanden als Vermittler von Erfahrungen. Ihr Sinn liegt nicht in der buchstäblichen Bedeutung der Texte, sondern in den in ihren Bildern verborgenen Erfahrungen. Die Gnostiker encodierten ihre mystisch-spirituellen Lehren in Form allegorischer Mythen und bedienten sich dabei der vorhandenen Bilder aus östlichen und westlichen Traditionen. Wenn eine symbolisch gemeinte Geschichte aber als Tatsachenbeschreibung aufgefasst wird, wird sie nicht mehr verstanden.

Dualismus

Der Gnostik wird seit ihren Anfängen Dualismus vorgeworfen, dabei ist sie in ihren Hauptströmungen grundlegend der Auffassung, dass alles eins ist. Allerdings beschreibt sie sehr einfühlsam polares Erleben. Das Buchstaben-Christentum ist dagegen deutlich dualistischer, wenn es in Gott und dem Teufel, in Gut und Böse, einander feindliche, um die Herrschaft ringende Mächte sieht. Für die Gnosis ist ein derartiges Erleben lediglich die Folge des Nichtwissens. „Das Licht und die Finsternis, das Leben und der Tod, rechts und links sind einander Brüder. Sie sind untrennbar. Deswegen sind weder die Guten gut noch die Schlechten schlecht, noch ist das Leben ein Leben noch der Tod ein Tod.“[1]  Die Gnostiker machen keinen Hehl aus der Unvollkommenheit der geschaffenen Welt, deren Qualität sie allerdings nicht auf ein Fehlverhalten des Menschen, eine Ursünde, zurückführen, sondern auf den Schöpfer selbst, den Demiurgen, dessen Unvollkommenheit der Kosmos spiegelt. Der Demiurg, den das frühe Christentum mit dem Jahwe der jüdischen Bibel identifizierte, symbolisiert das Ego: selbstbesessen, eifersüchtig, launisch, nachtragend, mit einem völlig überzogenen Verständnis seiner Bedeutung, weil es kein Wissen mehr hat vom größeren Selbst, von dem es ein Teil ist. Da, wo das Ego die Herr-schaft übernimmt, erscheint die Welt dual, polar. Das Böse ist aber nicht mehr als ein Nebenprodukt des Prozesses der (Selbst-) Erfahrung. Denn Bewusstheit gibt es nur durch Beobachtung, also durch den Unterschied von Subjekt (Beobachter) und Objekt (Beobachtetem), darin gründet jede andere Dualität. So beginnt der Prozess der Schöpfung damit, dass das Ureine, das große unbeschreibbare Mysterium, nach Selbsterfahrung verlangt und sich darum gleichzeitig zum Subjekt und Objekt macht. Das ist die ur-sprüngliche „Syzygie“ (das Eine in zwei Zuständen), der Archetyp aller Dualitäten.

Das Lebensgefühl der Gnostiker ähnelt dem des Existentialismus: der Mensch ist ein Gefangener in einer ‚unauthentischen’ Form des Seins.  Aber ebenso sehen sie die Inkarnation in einem positiven Licht als eine Gelegenheit zu spirituellem Wachstum. Gnosis verlangt keinen Rückzug aus der Welt, wohl aber eine kritische Distanz wie sie schließlich in der „Lokalisationsformel für die Menschliche Existenz“ (P.Sloterdijk) ihren Ausdruck findet: „in der Welt, aber nicht von der Welt“,

Der Dualismus der Welterfahrung betrifft auch den Menschen selbst. Er erlebt seine Natur als zweigeteilt, bestehend aus einem vergänglichen physischen Teil, der kosmischen Materie (Hyle) und der damit verbundenen Leib-Seele (Psyche) und einem geistigen Teil von göttlicher Substanz, dem Pneuma. Im Allgemeinen weiß der Mensch nichts mehr von diesem göttlichen Funken in sich und die „Archonten“, die Herrscher dieser Welt, versuchen, ihn in Unwissenheit zu halten, indem sie die körperlichen Gelüste und Leidenschaften, die den Menschen an die Materie binden, fördern und befriedigen.

Darin erkennen wir unschwer auch unsere eigene Zerrissenheit zwischen materiellen Bedürfnissen einerseits und der Sehnsucht nach dem Wesentlichem andererseits. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen; die eine hält in derber Liebeslust, sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen“, hat Goethe, zweifellos ein Mensch mit gnostischen Kenntnissen und Erfahrungen, diese Zerrissenheit beschrieben. Und wie die Gnosis erleben auch wir bindende Kräfte in unserer Seele, die uns beherrschen und vom Wesentlichen abhalten wollen. Auch für uns heute ist die Welt ein Objekt, ein Gegenüber, mit dem wir uns auseinandersetzen und einen Umgang finden müssen. Auch die Erfahrung der oft zerreißenden Spannung einer Welt, in der Gut und Böse, Lebensfülle und Leid, Sinn und Sinnlosigkeit, Glanz und Elend oft eng miteinander verflochten sind, trifft heutiges Lebensgefühl.

Nichtwissen als Problem

Entgegen der orthodoxen Richtung des Christentums ist die Gnosis folglich der Überzeugung, dass nicht die Sünde den Menschen in Leiden verstrickt, sondern dass Ahnungslosigkeit und Unwissenheit ihn in der Gefangenschaft der Archonten halten. Es geht daher nicht um Erlösung von der Sünde durch einen Erlöser von außen, sondern um Erlösung von der Unwissenheit und Weltverfallenheit durch den persönlichen spirituellen Prozess der Erkenntnis, der Gnosis.

Damit greift die Gnosis buddhistisches Gedankengut auf, das in der Verirrung des Nichtwissens (avidya) die Ursache des Leidens sieht, weil es verhindert, das Leiden, seinen Ursprung, seine Überwindung und den Weg dorthin zu erkennen und stattdessen durch die Begierden an die illusorische Welt des Erscheinenden bindet. Die Erwartung des kommenden Gottesreiches verband die Gnosis darum auch nicht mit der Vorstellung einer durch göttlich-messianische Intervention äußerlich veränderten Welt, sondern mit einem durch Arbeit an sich selbst verändertem Bewusstsein: der Erleuchtung. Das Heil wird in dem Augenblick zur Wirklichkeit, in dem der Gnostiker erkennt, dass alles dem Gesetz der Unbeständigkeit unterworfen ist, dass nichts ewig ist, dass alles sich ändert, dass dies auch für den Menschen gilt und allein sein Wesenskern, sein Pneuma, göttlicher Art und Herkunft und darum unvergänglich ist.

Freiheit und Gleichheit

Mit der Betonung der notwendigen individuellen Suche und der persönlichen Erfahrung und der Abneigung gegen jedwede fixierte Wahrheit war die Gnosis ein überaus tolerantes System, in dem Erfahrungen unterschiedlich in Bilder und Begriffe gesetzt werden konnten und dennoch gleich geachtet wurden. Folgerichtig gehörte dazu auch die Anerkennung der Gleichheit aller in der gnostischen Bewegung. So konnten Frauen in den gnostischen Gemeinden genauso als Priesterinnen, Prophetinnen, Heilerinnen, herumreisende Lehrerinnen und Bischöfinnen wirken, wie es in den orthodoxen Gemeinden nur den Männern möglich war. Es gab keine Klassenunterschiede wie in der Hierarchie, sondern höchstens Unterschiede im Verständnisniveau, in der erlangten Gnosis. In einigen christlich-gnostischen Gemeinden wurde daher sogar gewürfelt, wer in der jeweiligen Versammlung den Vorsitz der Eucharistie oder die Vermittlung von Erfahrungen übernehmen sollte.

Alternative zum Kirchen-Christentum?

Von der gnostischen Bewegung und ihren Vorstellungen wussten wir bis Mitte des letzten Jahrhunderts fast ausschließlich durch ihre Gegner. Seitenweise zitierten die Theologen der frühen Kirche aus gnostischen Schriften, um sie als Irrglaube zu widerlegen. Die Gnostiker wiederum hatten kein gutes Verhältnis zur Autorität, da keine Unterwerfung unter eine Autorität zur Gnosis führen konnte, und niemand, der Gnosis erreicht hat, sich einer spirituellen Autorität unterwerfen würde. Mit dem zunehmenden Ausbau der kirchlichen Hierarchie, der Festlegung derjenigen Schriften, die zur Heiligen Schrift gehören sollten (um 180 n.Chr.), der Institutionalisierung der Kirche im konstantinischen Kaiserreich (324-337 n.Chr.) und der dogmatischen Festlegung von Glaubensgrundsätzen auf dem Konzil von Nicaia (325 n.Chr.) wurden die Gnostiker endgültig als Nichtchristen bekämpft. Mit der Plünderung der großen Bibliothek von Alexandria, einem unermesslichen Schatz an Wissen und Weisheit des Altertums, durch christliche Fanatiker im Jahr 387 n.Chr. und ihrer Inbrandsetzung durch die Anhänger Mohammeds im Jahre 641 n.Chr. wurde auch alle dort befindliche gnostische Literatur zerstört. Erst 1946 wurden in Nag Hammadi, einem Ort in Oberägypten, Tonkrüge mit 52 gnostischen Originaltexten gefunden, darunter z.B. ein dem Apostel Thomas zugeschriebenes Evangelium. Sie gehörten offenbar zur Bibliothek eines nahegelegenen Klosters, von wo aus sie um 360 n.Chr. vor den fanatischen Verfolgern in Sicherheit gebracht wurden. Sie vervollständigen unsere Informationen über die Gnosis als spirituelle Bewegung und zeigen einen Jesus, der kein apokalyptischer Prediger war, sondern ein spiritueller Meister.

Wer auch immer der Banalisierung und Moralisierung des kirchen-christlichen Glaubens überdrüssig ist, kann hier eine berührende Alternative finden.  


[1] Philippus-Evangelium, Logion 10